Rosa Louise aus dem Greyhoundsupermarkt

Rosa Louise *8. 10. 2012

Frisch aus dem Greyhoundsupermarkt

Frisch aus dem Greyhoundsupermarkt und grün in den Ohren.

Nach wenigen Wochen ohne Greyhounds beschloss Harald, sich wieder einen Greyhound zu holen. Ab der Beschlussfassung musste es schnell gehen. Und so wurde es ein Welpe aus einem – wie er es selbst nannte – Greyhoundsupermarkt in Irland. Die „Züchterin“ sprach Deutsch, verlangte eine Anzahlung, die „Zustellung bis Deutschland“ wurde zugesagt, verschoben, noch einmal verschoben. So setzte Harald sich Anfang Jänner ins Auto, fuhr mehr oder weniger in einem durch bis nach Dublin, nahm am Hafen zwei Welpen in Empfang und drehte sich um um wieder zurück zu fahren. Diese Geschichte alleine wäre schon verrückt genug. Als er aber mitten in der Nacht zuhause ankam, fehlten mir die Worte.

Abgesehen davon, dass die Welpen verschreckt waren, stanken sie erbärmlich und waren verfloht. Wir versuchten sie nacheinander in der Badewanne wenigstens notdürftig zu reinigen. Dann steckten wir die beiden in einem Büro in den Kennel, quasi in Quarantäne. Für ihr Alter kamen mir die beiden sehr klein vor, eine Hündin hatte eine schlecht verheilte Narbe am Knie. Harald erzählte mir, dass er auf der Rückfahrt nach einem Versuch aufgegeben hatte, die Hunde ausserhalb des Autos sich lösen zu lassen, weil sie am Halsband, das sie offensichtlich zum erstenmal trugen, derartig panisch reagierten, dass er Angst hatte, sie könnten sich losreissen.

Der Welpe aus dem Greyhoundsupermarkt

Ich kann mir nur schwer vorstellen, einen Welpen unbesehen zu kaufen. Aber ich denke, ich hätte spätestens im Hafen in Dublin meine Anzahlung zurückverlangt und wäre ohne Welpen zurückgefahren. In dieser Nacht wurde mir klar, dass sich meine Vorstellung von Hundehaltung bereits meilenweit von den Vorstellungen Haralds entfernt hatte. Am nächsten Tag kam ein Tscheche zu uns, der eine der beiden Hündinnen zu sich nehmen wollte. Er bekam von Harald freie Auswahl und nahm die unverletzte Hündin. Bei uns blieb also Rosa Louise, die Hündin mit der Narbe am Knie. Wirklich weh taten dem Welpen aber die frisch tätowierten Ohren. Warum die „Züchterin“ tätowieren liess, wo der Hund auch gechippt war, bleibt eines der vielen Rätsel. Auch das Wurfdatum in den „Papieren“ stimmte nicht mit dem überein, was auf Facebook gepostet wurde. Später erfuhr ich, dass die Mutter der beiden Welpen schon nach Deutschland verschickt wurde, bevor Harald die Welpen in Dublin abholte.

Als geklärt war, welche Hündin bei uns bleibt und wir die Flöhe entdeckt hatten, begannen wir einen zweiten Waschzyklus und behandelten Louise, Élaine und den Kater mit Flohmittel.

Karriere einer Rennmaschine

Ich klinkte mich dann weitgehend aus, beobachtete kopfschüttelnd, dass Harald grosszügig darauf verzichtete, den Rückpfiff zu konditionieren, den ich bei Lilly und Élaine erfolgreich antrainiert hatte. Im Grossen und Ganzen wartete er darauf, bis er mit dem Hund das erstemal auf die Rennbahn fahren konnte. Nach ein paar mehr oder weniger heftigen Verletzungen, die Louise sich im Freilauf zuzog (unter anderem ein so zerstörtes Zehengelenk, dass amputiert wurde und einmal haarscharf nicht auf die Bundesstrasse gelaufen), hatte sie erreicht, dass sie nur mehr an der Leine spazierengeführt wird. Es gelingt ihr aber auch, sich im Garten immer wieder mal einen tiefen Kratzer zu machen.

Als Welpe spielte sie noch wild mit der fast gleichalten Élaine. Doch irgendwann hörte sie damit auf und zog sich zurück. Auf mich wirkte sie im Haus depressiv. Vor allem, wenn Harald aus dem Haus war, lag sie nur mehr schlapp herum. Kam Harald nachhause, begrüsste sie ihn aufgeregt, lief ihn anhimmelnd hinterher um sich dann irgendwo in seiner Nähe wieder hinzulegen und zu schlafen. Nur die Futterzeiten waren noch aufregend und sie stürzte sich jedesmal auf ihre Schüssel, als hätte sie wochenlang gehungert.

Greyhound mit Siegerdecke

Louise ist sichtlich beeindruckt von der Siegerdecke.

Zur Rennbahn in Prag fuhr ich nie mit. Élaine hätte dafür stundenlang im Auto sitzen müssen oder ich hätte sie irgendwo abgeben müssen. Ich bekam aus Haralds Schilderungen und später auch anhand von Rennergebnissen mit, dass Louise sich auf der Bahn gut machte. Fallweise kam sie aber auch ziemlich angeschlagen zurück, wenn sie von zwei schweren Rüden am Start „in die Zange genommen“ oder in der Kurve abgedrängt wurde.

Hasenjagd in Prag

Im April 2017 war ich das erstemal mit in Prag auf der Rennbahn. An diesem Tag hatte ich das beklemmende Gefühl, eine Rennmaschine vor mir zu haben. Man kann es routiniert nennen, für mich war es irritierend, wie sie das Prozedere abspulte. Sie legte einen Start-Ziel-Sieg hin, liess sich mit Harald und den Models am Podest fotografieren um dann wieder in ihrem Kennel zu verschwinden und auf die Rückfahrt zu warten. Ein paar Jahre davor war ich ein paar mal in Praskacka auf der Rennbahn. Dort hatte ich den Eindruck einer engagierten Truppe, die Greyhounds mochte und deshalb auf einer gepflegten und technisch optimal ausgestatteten Sandbahn Rennen zog. Die Hunde schienen damals alle gut gepflegt und betreut. Vielleicht hatten nicht unbedingt alle einen Sofaplatz im Wohnzimmer, aber es wirkte nicht, als würde es ihnen schlecht gehen. Diesmal sah ich Hunde mit plüschigem oder struppigem Fell, teilweise auch lahm laufende Hunde. Die familiäre Stimmung, die ich aus Praskacka kannte, war nicht mehr da.

Eines der unzähligen Siegerfotos, die Rosa Louise ermöglicht. ©CGDF

Zusammengefasst erweitert Rosa Louise für mich das Greyhoundspektrum ein weiteres mal. Ja, ihre Muskeln waren beeindruckend, als ich sie im Rahmen meiner Tiermassageausbildung in die Anatomiestunden mitnahm. Ja, es ist beeindruckend, dass sie jetzt offensichtlich mit Erfahrung wett machen kann, was ihr an Bemuskelung abhanden gekommen ist. Ansonsten hatte ich sehr wenig Zugang zu dieser Hündin. Sie ist ganz deutlich Haralds Hund, himmelt ihn an und tut auf der Bahn alles für ihn. Ihn macht es glücklich. So fährt er gerne jeden Renntermin und inzwischen auch Trainingstermin gute 3 Stunden nach Prag um Louise für ein paar Sekunden einem „Hasen“ hinterherlaufen zu lassen, der wie ein Waschbär aussieht. Danach lässt er sich mit Louise und ein paar zweibeinigen „Hasen“ ablichten und fährt dann wieder gut 3 Stunden nachhause. Möge Rosa Louise ihn noch lange so glücklich machen.

Update

Nur ganz wenige Wochen nach dem Veröffentlichen dieses Beitrags endete die Rennkarriere von Louise am 5. Oktober 2017 mit einer für mich mehr als vorhersehbaren schweren Verletzung (Trainingsmethode, Anzahl der Renneinsätze, Gewichtsreduktion/Bemuskelung, Alter, Läufigkeitszyklus, …) während eines Lizenzlaufes für Onyx. Eine Arthrodese ist eine Gelenksversteifung, also eine chirurgisch herbeigeführte Ausschaltung der Gelenksbeweglichkeit. Der gleiche chirurgische Eingriff führte bei Viola zum Ende ihrer Rennkarriere.

Der Krug wird solange zum Brunnen getragen, bis er zerbricht …

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