Running Gag
HomeGreyhoundIrish WolfhoundAusserdemZuchtErinnerungEnglish Pages English Pages

Zucht auf Langlebigkeit?

Immer öfter gibt es ZüchterInnen, die als Zuchtziel Langlebigkeit angeben und dies auch auf unterschiedliche Art und Weise untermauern (wollen). Die Idee ist sehr verlockend, besonders bei einer Rasse, die als Durchschnittsalter ganze sechs Jahre vorzuweisen hat. Wir wissen, dass unsere grossen Irish Wolfhounds sehr lange brauchen, bis sie „fertig“ sind, also ausgewachsen. Über den Daumen gepeilt vergehen bis dahin drei Jahre, also die halbe durchschnittliche Lebenserwartung. Wer sein Leben in Zahlen und Jahre fasst tut gut daran, darauf zu verzichten, einen Irish Wolfhound zu sich zu nehmen. Vor kurzem erst hat mir der Besitzer eines Chihuahua erklärt, die Lebenserwartung „seiner“ Rasse liege ebenfalls bei ca. sechs Jahren. Das selbe hörte ich dieser Tage von einer Besitzerin eines Boxers. Wer sein Leben in Zahlen und Jahre fasst tut möglicherweise gut daran, überhaupt auf einen Hund zu verzichten. Oder überhaupt ein Lebewesen? Naja, Schildkröten gelten als sehr langlebig. Vielleicht ist also eine Schildkröte das passende Haustier für Menschen, die ihr Leben in Zahlen und Jahre fassen.

Doch zurück zum Zuchtziel Langlebigkeit

 Opa Alva mit 11 Jahren Opa Alva mit 11 Jahren

Ich gebe es offen zu, vor ein paar Jahren klang dieses Ziel für mich ebenfalls sehr verlockend. Pedigrees wurden also auch auf das erreichte Alter der Vorfahren hin untersucht. Damals waren zwei Rüden im Veteranenalter die mir ausserdem auch noch gefielen. Es wäre doch sicher schön, Nachfahren dieser beiden Rüden miteinander zu verpaaren. Immerhin hätten diese Rüden ja schon bewiesen, dass sie das Durchschnittsalter der Rasse weit überschritten haben. Als sich eine Hündin anbot, die diese beiden Rüden schon in ihrem Pedigree (jeweils als Grossvater) hatte, wollte ich sie unbedingt sehen. Lilly zog bei uns ein und ich hatte die naive Hoffnung, einen Hund mit besten Voraussetzungen für ein langes und gesundes Leben zu haben und nach Möglichkeit sogar - ebenso langlebigen - Nachwuchs von ihr zu bekommen.

Als Lilly gerade mal halb so alt war, wie ihre beiden Grossväter Alva und Aschar war mir klar, dass zumindest die Sache mit dem gesunden Leben beendet war und ich spürte, dass wohl auch das Erreichen des Veteranenalters die Stabilität einer Seifenblase hatte. Lilly wurde knapp 6 Jahre und 8 Monate alt. Das letzte Lebensjahr konnte sie nur mit Hilfe von (ständig steigender Dosis an) Schmerzmitteln in überwiegend guter Lebensqualität verbringen, ohne diese Medikation wäre sie keine 6 Jahre alt geworden. Langlebige (mit welchem medizinischen Aufwand weiss ich nicht) Vorfahren, niedriger Inzuchtskoefizient, sportliche Haltung bei Idealgewicht, möglichst stressfreies Leben - all das hatte nicht den erhofften Effekt gezeigt. Nebenbei bemerkt wurden zwei ihrer vier Schwestern nichteinmal so alt wie Lilly. Die eine verstarb mit ca. drei Jahren, die zweite mit viereinhalb Jahren. Von den anderen beiden Schwestern habe ich keinerlei Informationen, weiss also nicht, ob sie noch leben oder längst das Schicksal ihrer Schwestern teilen.

Farbzucht

Was relativ einfach zu erzüchten ist, ist Farbe. Darum gibt es auch ausreichend Hunderassen, wo auf Farbe gezüchtet wird. Doch sogar bei diesen Farbzuchten gibt es immer wieder Ausreisser. Bei den Doggen gibt es die unerwünschten Grautiger, bei Neufundländern schleichen sich immer wieder braune Hunde ein und auch bei anderen Rassen kommt es vor, dass mehr als die „geplanten“ oder erwarteten Farben auftreten. Dabei ist Farbe etwas, was man mit sehenden Augen ziemlich einfach feststellen kann. Wie stellt man aber „Langlebigkeit“ fest …?

Wieviele Zuchtziele sind realistisch?

 Plan A - Baruch sollte das Veteranenalter fit erreichen … Plan A - Baruch sollte das Veteranenalter fit erreichen …

Wer seine Hausaufgaben in Genetik gemacht hat, hat gelernt: Ein Zuchtziel ist - bei ausreichend grosser Population, einfacher Genetik und entsprechend vielen Würfen - erreichbar. Nach etwa 10 Würfen sollte das gewünschte Zuchtziel halbwegs gefestigt sein. Dieses Zuchtziel kann schon erwähnte Farbe sein oder eine bestimmte Ohrenform. Also phänotypische Eigenschaften, die man rasch erkennen kann und deshalb auch einfach (aus)selektieren kann. Bei zwei Zuchtzielen gleichzeitig braucht man etwa viermal so lange und bei drei Zuchtzielen gleichzeitig wird die Sache schon sehr, sehr unrealistisch. Wir sind hier immer noch bei klar erkennbaren Eigenschaften. Wie definiert sich aber „Langlebigkeit“ …?

Selektieren wir im Hinblick auf Langlebigkeit zum Beispiel auf Herzgesundheit, dann fällt beim Irish Wolfhound als erstes das Stichwort DCM. Der DCM Check ist inzwischen in vielen Ländern verpflichtend und wird ausserdem auch von vielen ZüchterInnen dann gemacht, wenn es der eigene Verband nicht vorschreibt. Wunderbar! Bei Lilly wurden verdickte Herzklappen diagnostiziert, sie war rein medizinisch aber immer noch DCM-frei. Und um die Verwirrung noch zu erhöhen - „das Herz“ machte ihr bis zuletzt keinerlei Probleme. Es war ein Tumor und damit verbundene unerträgliche Schmerzen, die ihrem Leben ein Ende setzte. Ich fasse zusammen: Alleine auf „alle möglichen Herzerkrankungen zu selektieren“ würde weit über oben erwähnte drei Zuchtziele hinausreichen. Zitat des Kardiologen zu Lilly's Herzbefund: „Es gibt mit Sicherheit sehr viel mehr Herzkrankheiten beim IW von denen wir noch gar nichts wissen.“

Spätestens dann, wenn wir daran denken, auf Krebsfreiheit zu selektieren, führt sich die Zucht auf Langlebigkeit ad absurdum: Zur Diskussion stehen: Milztumor, Lymphdrüsenkrebs, Tumor in den Milchleisten, Plattenepithelkarzinom, Lungenkrebs, Knochenkrebs in diversen Variationen …

Selektionsmöglichkeiten

Um in Hinblick auf oben genannte Erkrankungsoptionen selektieren zu können muss vorausgesetzt sein, dass all diese Erkrankungen auch (ausschliesslich) erblich bedingt sind und es würde den Weg der Selektion deutlich verkürzen, wenn man auch den Erbgang kennen würde. Unangehmerweise gibt es aber auch erworbene Krankheiten und von den meisten Erkrankungen vermutet man bestenfalls genetische Beteiligung. Wirklich wissen tut man sehr wenig. Und was man heute zu wissen glaubt kann morgen schon widerlegt sein.

Wem all das noch immer überwindbar scheint, dem sei das Thema Epigenetik ans Herz gelegt: Stark vereinfacht zusammengefasst bedeutet das alleinige Vorhandensein eines Gens noch gar nichts. Es kann fast nach Belieben ein- oder ausgeschaltet werden. Als „Schalter“ können verschiedenste Umwelteinflüsse oder psychische Ursachen fungieren.

Wer kann angesichts dieser Fakten allen ernstes behaupten langlebige Hunde zu züchten? Und wäre diese Person nicht wesentlich besser in der Wissenschaft aufgehoben und hätte dort gute Chancen auf den Nobelpreis …?

Verlust schmerzt

 Oktober 2012 - Lilly war plötzlich Einzelhund aber erfreulich fit für 5 Jahre. Oktober 2012 - Lilly war plötzlich Einzelhund aber erfreulich fit für 5 Jahre.
Ja, es tut wirklich weh einen Hund zu verlieren. Je jünger der Hund ist, umso schmerzhafter ist der Verlust, weil wir zur bitteren Kenntnis nehmen müssen, dass es keine Garantie auf eine Mindestlebensdauer gibt. Jeder Abschied führt uns vor Augen, dass auch wir selbst sterblich sind. Wenn wir einen jungen Hund verlieren, macht uns das noch mehr Angst, weil es uns verdeutlicht, dass auch wir vor dem Erreichen des Durchschnittsalters sterben können. Die Idee, dass man Langlebigkeit steuern, ja bewusst herbeiführen kann, wird zum Strohhalm an den man sich klammert.

Vergänglichkeit akzeptieren

 Jänner 2013 - Nur drei Monate später wirkte sie deutlich älter. Jänner 2013 - Nur drei Monate später wirkte sie deutlich älter.
Wer sich der Vergänglichkeit stellen kann, sie akzeptieren kann, hat die Chance, den Kopf frei zu bekommen für das Hier und Jetzt, für das Heute. Das einzige, was wir wirklich wissen, ist, dass wir nicht wissen, was morgen sein wird. Niemand weiss, ob er den morgigen Tag erleben wird oder ob die Lebewesen, die er um sich hat, den morgigen Tag erleben werden. Was bleibt ist das Hier und Jetzt. Was wir von unseren Hunden lernen können ist, das anzunehmen, zu geniessen und in der Gegenwart zu leben. Vielleicht ist es simpel, sich jeden Tag über den selben Spaziergang am selben Ort zu freuen. Vielleicht ist es simpel, sich jeden Tag über das selbe Futter zu freuen. Vielleicht ist es simpel, jeden Tag dem selben Ball hinterherzulaufen um ihn zu fangen und in die Luft zu werfen. Vielleicht ist es simpel, jeden Tag den selben Menschen zu begrüssen als hätte man ihn wochenlang nicht mehr gesehen. Vielleicht ist es aber auch die beste Art zu leben?

Leben lernen

 Oktober 2013 - Den Herbst geniessen. Oktober 2013 - Den Herbst geniessen.

Im Jänner 2013 hatte ich noch Angst, Lilly könnte den März (2013) nicht überleben. Ich hab mich innerlich von ihr verabschiedet. Das Schicksal hat uns ein ganzes Jahr geschenkt. Ein Jahr in dem ich fast jeden Tag nur mit ihr durch die Weinberge gegangen bin. Es gab Tage an denen sie nur eine kleine Runde schaffte und sehr langsam ging. Es gab Tage an denen sie die grosse Runde locker machte. Es gab Tage bei strahlendem Sonnenschein, es gab Tage wo wir durch dichten Nebel liefen. Es gab frostige Tage und heisse Tage. Lilly lehrte mich, jeden einzelnen Tag so zu nehmen, wie er ist und das beste daraus zu machen, ihn zu geniessen.

Sie hat sich jeden Morgen auf diesen gemeinsamen Spaziergang gefreut, egal, wie fit sie gerade war. Ich habe von ihr gelernt, mich jeden Morgen über den gemeinsamen Spaziergang zu freuen, egal, wie fit sie gerade war oder wie das Wetter war. Es sind ganz simple Dinge, die 2013 für mich wichtig geworden sind und ich bin Lilly einfach nur dankbar dafür, dass sie mich das gelehrt hat. 2013 hat mich in die Gegenwart gebracht. Leben definiert sich nicht durch die Anzahl der erreichten Jahre, Leben definiert sich nicht durch Erwartungen an die Zukunft. Leben definiert sich aber auch nicht durch Verharren in der Vergangenheit. Leben ist heute. Wer bereit ist, diese Lektion zu lernen findet unter Hunden gute LehrmeisterInnen. Und vielleicht gehören Irish Wolfhounds zu den besten LehrmeisterInnen.


© 2014 Running Gag Sighthounds • last page-update 2014-04-10 16:18:25 • powered by werkform